Buchbesprechungen 2018

Die folgenden Besprechungen wurden uns zur Verfügung gestellt von Brigitte Tietzel, der früheren Leiterin des Deutschen Textilmuseums in Linn.

Juli Zeh, Leere Herzen
Catalin Dorian Florescu, Der Mann, der das Glück bringt
Marjaleena Lembcke, Wir bleiben nicht lange
Betty Smith, Ein Baum wächst in Brooklyn
Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Robert Harris, München
Daniel Kehlmann, Tyll
Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren


Juli Zeh, Leere Herzen

Man weiß nicht recht, ob das apokalyptische Szenario, das Juli Zeh in diesem Roman beschreibt, nicht vielleicht schon irgendwo Realität ist, und ganz bestimmt hält man es tatsächlich für möglich, dass sich unsere Welt, dass die Menschen sich sehr bald schon in diese Richtung entwickeln könnten.

Britta und Babak sind Partner in einem ziemlich abwegigen Unternehmen. Nur langsam erschließt sich dem Leser, worum es sich wirklich handelt. Oberflächlich hilft die „Brücke“ suizidgefährdeten Menschen, ihren Todeswunsch zu überwinden. „Geheilt“ entlassen, spenden diese voller Dankbarkeit sehr viel Geld. In Wirklichkeit geht es aber um die wenigen, die trotz aller Bemühungen fest entschlossen sind, zu sterben. Jenen gibt das Unternehmen einen guten Grund dafür. Das heißt, man hilft ihnen, nicht einfach so aus dem Leben zu scheiden, sondern für eine „gute“, eine „gerechte“ Sache zu sterben, also noch im Tode nützlich zu sein. Geht da nicht in unseren Köpfen eine Alarmglocke an? Die Todeskandidaten werden lukrativ vermittelt an wen auch immer, der gerade einen Selbstmordattentäter für seine Sache gebrauchen kann. Das läuft so leise, so völlig unspektakulär neben dem normalen Leben einer Familie mit Mann und Kind für Britta, mit ihren lieben Freunden, die wenig Geld haben, aber ein Häuschen im Grünen erstreben, dass man zunächst nicht recht begreift, wieso der Horror plötzlich in Brittas und Babaks friedliche Welt einbricht.

Da ist jemand, der versucht, ihnen Konkurrenz zu machen, jemand spioniert ihre Daten aus, kopiert ihre Methoden und versucht, sie unter Druck zu setzten, letztlich, sie ganz auszuschalten. Nicht nur ihre Arbeit, ihrer beider Leben sind in Gefahr.
Juli Zeh gelingt es meisterlich, die Angst und das Entsetzen, die diese glatte, man möchte sagen kalte Britta erfasst, auf den Leser zu übertragen. Britta hat keinen Glauben, keine Überzeugungen, schon gar keine politischen. Alles plätschert irgendwie vor sich hin, ist letztlich gleichgültig. Aber eben doch nicht alles. Sie liebt ihre kleine Tochter, die allerdings ebenfalls ohne rechtes Bewusstsein für Menschlichkeit aufzuwachsen scheint. Ihre Lieblingsspiele beinhalten Tod und Zerstörung ihrer virtuellen Protagonisten. Da ist außerdem Brittas Freundin Janina, die so ganz anders ist als sie, altmodischer. Ein bisschen verachtet Britta Janina, weil sie so gar nicht erfolgreich funktioniert in dieser Welt, in der es nun mal auf Geld und Wohlstand ankommt. Aber Britta spürt auch, mehr als sie versteht, dass Janina zu Gefühlen fähig ist, die eine Bedeutung zu haben scheinen, die ihr entgeht. Leere Herzen, das meint die Feinde, aber es trifft auch auf Britta zu und Babak. Der ist schwul, wird von seiner Familie abgelehnt, und hat in Britta und der Firma einen Halt und einen Lebenszweck, versinkt völlig in seiner Aufgabe, als Computermensch für die Brücke zu arbeiten, ohne Bezug zum wirklichen Leben. Beide werden durch eine letzte Kandidatin der Brücke, Julietta, aus ihrer Ruhe gerissen, aus dem Kokon, in dem sie sich so gemütlich eingerichtet hatten. Spannend!


Catalin Dorian Florescu, Der Mann, der das Glück bringt


Das ist einer jener ehrgeizigen Romane, die ein ganzes Jahrhundert abdecken wollen, ein Roman, der die Geschichte zweier Familien über Generationen zu verfolgen vorgibt. Aber eigentlich erzählt der Autor nur die Geschichte zweier Menschen, die in sehr unterschiedlichen Welten leben. Sie sind jeweils großartig beschrieben, voller Wärme und Mitgefühl für die entbehrungsreichen Leben der beiden, das des namenlosen, elternlosen Jungen, der um 1900 in einer verrohten, grässlich armen Umgebung in Brooklyn irgendwie überlebt, und das von Elena, die im Donau-Delta am Schwarzen Meer in Rumänien gleich zwei Väter hat. Aber beide Geschichten haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Sie werden durch das zufällige Treffen zweier Nachkommen der Protagonisten viele Jahre später, nämlich 2001, ausgerechnet am Tag, als die Zwillingstürme in New York zusammenfallen, mit einander in Verbindung gebracht. Ray ist der Enkel jenes Jungen aus Brooklyn und Elena, die Tochter ihrer Mutter Elena. Das ist für mich die Schwäche der sonst packenden Erzählung. Im Verlauf des Romans wechseln kapitelweise die Schauplätze. Im ersten spricht ein Ich-Erzähler (Ray) vom Leben seines Großvaters in New York um 1900, der sich unter erbarmungswürdigen Umständen durchschlägt und dabei für einen Mann arbeitet, der die Toten Manhattens einsammelt, um sie auf den Friedhof nach Brooklyn zu bringen. Als das Geschäft schlechter zu werden droht, tötet dieser Mann die Neugeborenen von Frauen, die ihre Kinder nicht wollen und im Geheimen bekommen, und er bringt den immer nur Großvater genannten Jungen dazu, kranke Kinder mit einem Trick zu töten, um mit deren Beerdigung Geschäfte zu machen. Der Lichtblick im Leben dieses Jungen ist seine schöne Stimme, mit der er selbst in den trostlosesten Momenten andere Menschen glücklich machen kann.

Im zweiten Kapitel erzählt ein anderer Ich-Erzähler, eine Erzählerin (Elena), von ihrer Mutter, die in einer armen, von Aberglauben geprägten Region im rumänischen Donau-Delta geboren wird von einer Frau, die mit ihrem Mann nur tote Kinder bekam. Als dieses lebende Kind zur Welt kommt, ist klar, dass es das Kind eines anderen ist. Der lebt als freundlicher Tor im Delta. Er liebt seine Tochter, die mehr Zeit mit ihm verbringt als mit der Mutter. Der Mann der Mutter stirbt kurz nach der Geburt und die Mutter will die Tochter im Grunde nicht. Diese versucht, ihren Weg in einer kleinen Stadt zu finden. Der Vater stirbt an der Lepra, und auch Elena erkrankt daran. All ihre Lebenshoffnungen und Erwartungen enden in der Lepra-Kolonie, die von allen gesunden Menschen abgeschieden ist. Später wird sie mit einem anderen Leprakranken eine Tochter bekommen, die Ich-Erzählerin, eben jene, die sehr viel später nach Amerika reisen wird, um den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen, und ihre Asche in New York zu verstreuen. Zwei wunderbare Geschichten, die nicht wirklich davon profitieren, dass die Nachkommen sich treffen und lieben werden. Deren eigenes Leben wird in dem Roman nur sehr skizzenhaft  beschrieben, weil es auch kaum eine Rolle spielt. Trotzdem wunderbar zu lesen.


Marjaleena Lembcke, Wir bleiben nicht lange

Die ist die Geschichte zweier finnischer Schwestern am Ende des Lebens der einen. Sisko lebt in London. Sie liegt im Krankenhaus, weil sie Krebs hat. Endstadium. Ihre Schwester Mirja, die in Deutschland verheiratet ist, ist nach London gekommen, um ihrer Schwester beim Sterben zu helfen. Kann man das so sagen?
Mirja wohnt im Gästehaus des Krankenhauses und besucht Sisko täglich. Sie lieben einander, sind als Kinder unzertrennlich gewesen, haben in einem Bett geschlafen und wecken jetzt viele der alten Erinnerungen, die auch die große Familie einschließen. Sie sind nicht mehr ganz jung, müssen um die 50 Jahre alt sein, genau wird das nicht gesagt. Um zu sterben ist das immer noch zu jung.
Im ersten Augenblick befremdet es, dass Siskos einzige Freude darin besteht, sich ins Raucherzimmer bringen zu lassen, dort auf andere, ebenfalls unheilbar kranke Krebspatienten zu treffen und Wodka zu trinken, den Mirja besorgen und in Saftflaschen umfüllen muss. Dann dämmert einem die schreckliche, unabänderliche Gewissheit, dass weder Alkohol noch Zigaretten irgendetwas an dem Zustand der Kranken verschlimmern können. Dass es im Gegenteil hilfreich sein kann, der Todgeweihen diese kleinen Genüsse zu gewähren. Und ganz nebenbei wird klar, dass Sisko nicht selten das Morphium, das man ihr geben würde, durch den Wodka ersetzt. So trostlos wie sich das anhören mag – und tatsächlich ist Sisko sarkastisch und hat sich keineswegs abgefunden mit ihrem Schicksal -, so gelingt es der Autorin doch, der ganzen Situation eine warme Menschlichkeit zu geben. Es ist nicht leicht zu sterben, und es ist nicht leicht, einem geliebten Menschen beim Sterben zuzusehen. Aber die Schwestern geben einander Liebe und Halt. Sie sprechen über die Vergangenheit, über die anderen Katastrophen in der Familie. Es gibt zahlreiche Brüder, es ist nicht ganz leicht, herauszufinden, wie viele es eigentlich sind. Sie leben in Schweden und in Thailand, sind früh gestorben oder haben Aids. Irgendwie scheint nichts in der Familie gut gelaufen zu sein. Mirja ist wohl noch die stabilste, vielleicht glücklichste unter den Geschwistern. Die Dinge werden in einer schnörkellosen Sprache ausgesprochen, aber ohne Bitterkeit oder falsche Sentimentalität. Trotz des düsteren Themas liest man das Buch ohne schlechten Gefühle. Das ist eigenartig, aber auch tröstlich. Leben und Tod gehören zusammen. Es fällt nicht immer leicht, das zu akzeptieren. Dieses Buch zeigt einem, wie es geht.


Betty Smith, Ein Baum wächst in Brooklyn

Die Originalausgabe erschien 1943 und machte die Autorin sofort berühmt. Jetzt erschien das Buch in neuer Übersetzung. Es beschreibt eine Gesellschaft vom Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Einwanderer aus allen Teilen der Welt versuchen, sich in dem „melting pot“ Brooklyn zurecht zu finden und mit der ungeheuren, für uns heute fast unverständlichen Armut irgendwie fertig zu werden.
Im Mittelpunkt steht Francie, die am Anfang des Romans ein kleines Mädchen, am Ende eine fast schon junge Frau von 17 Jahren ist, die ihren Weg hin bis zum College geschafft hat. Dieser Weg eines begabten Kindes aus ärmsten Verhältnissen hin bis zur Schriftstellerin ist offensichtlich autobiographisch. Francies Familie, die Nolans, bestehen aus den Eltern, einer entschlossenen, tatkräftigen Mutter mit österreichischem Familienhintergrund und dem liebenswürdigen, musikalischen Nichtsnutz von Vater, einem irischen Säufer, und dem um ein Jahr jüngeren Bruder Neeley. Francie und Neeley sind unzertrennlich. Die Mutter sorgt dafür, dass beide zusammen eingeschult werden, damit sie zusammen eine größere Kraft gegen jede Art von Angriff bieten können. Eine sehr weise Entscheidung in einer gnadenlosen Welt, in der jeder, egal ob Kind oder Erwachsener, den eigenen Vorteil verteidigt und jede Schwäche eines anderen unbarmherzig ausnutzt. Es gibt wenig Solidarität in dieser Welt, aber jede Menge Fußangeln für ein Verhalten, das nicht mit den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen dieser Gesellschaft konform geht.
Die Zuverlässigkeit und Klugheit der Mutter und die Liebenswürdigkeit des Vaters sind das Bollwerk von Francie und Neeley gegen alle Widrigkeiten, die ihnen widerfahren, seien es die Gemeinheit der anderen, seien es Hunger und Not, die sie durchleiden müssen, weil der Vater, unfähig zur regelmäßigen Arbeit, das wenige Geld, das er verdient, häufig versäuft. Aber die Liebe aller zueinander hilft alles zu ertragen. Auch den frühen Tod des Vaters. Die eigenwillige, kluge, begabte Francie, die wenig Freunde außerhalb der Familie hat, weil sie lieber liest (und später schreibt), als mit den anderen Mädchen zu spielen, ist dabei von entwaffnender Offenheit und Neugierde. Und sie begreift schon früh, was sie möchte und was gut für sie ist. So setzt sie es mit Hilfe des Vaters, der eine Lüge unterstützt, durch, auf eine bessere Schule zu kommen. Und obwohl sie keinen High School Abschluss hat, wird sie später die Prüfungen zum College bestehen. Sie ist widerstandsfähig wie ihre Mutter und ebenso verantwortungsvoll, auch in ihrem Verhalten gegenüber dem schwächeren Bruder. Anders als bei vielen Familien des Armenviertels, sind die Nolans schon „richtige“ Amerikaner, denn auch Vater und Mutter sind bereits in Amerika geboren. So ist Francies Erfolgsgeschichte tatsächlich eine echt amerikanische. Die hoffnungsvolle Geschichte des Underdogs, der durch Tüchtigkeit seinen Weg nach oben macht. Anrührend.


Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Als Alexander von Humboldt 1859 starb, neunundachtzigjährig, bekam er ein Staatsbegräbnis, die prächtigste Trauerfeier, die man jemals in Berlin einem Privatmann ausgerichtet hatte. Zehntausende folgten dem Trauerzug. Humboldt galt in den Augen der Zeitgenossen als der bekannteste Mensch der damaligen Welt, nach Napoleon. Und er hat sicher größeren Einfluss auf die Nachwelt gehabt als dieser.
Humboldt wurde 1769 in eine preußische Adelsfamilie geboren. Sein Vater starb früh, und die Mutter sorgte streng für eine ausgezeichnete Erziehung der beiden Söhne, Wilhelm und Alexander. Während Wilhelm, der Ältere, den Erwartungen, die man an ihn stellte, entsprach, diszipliniert und fleißig studierte, schließlich heiratete und in den Staatsdienst eintrat, folgte Alexander nur widerwillig den Vorgaben der Mutter. Lieber als in Studierstuben zu hocken, ging er schon früh immer wieder hinaus in die Natur.
Erst als die Mutter starb, da war er bereits 27 Jahre alt, fühlte er sich frei, das zu tun, was seinen Neigungen entsprach. Von nun an folgte er seinen Interessen, die gänzlich in der Natur, bei den Naturwissenschaften lagen. Sein Forscherdrang führte ihn hinaus in die Welt. Die erste, berühmt gewordene Expedition ging nach Südamerika, wo er die Weiten Venezuelas erforschte, bis zum Orinoco vordrang und später im heutigen Kolumbien und Ecuador zahlreiche Vulkane und zuletzt den Chimborazo erklomm. Auch wenn er nicht ganz bis zum Gipfel (ca. 6500 m) gelangte, sondern auf 5917 m umkehren musste, hatte doch bis dahin kein Mensch eine solche Höhe erreicht. Wenn man liest, welche Strapazen Humboldt auf sich nahm, wie einfach alle Hilfsmittel (an Kleidung, Ausrüstung etc.) damals waren, und wenn man sich vergegenwärtigt, dass  er auf vieles verzichtete, aber die wissenschaftlichen Instrumente bis in größte Höhen mitschleppte, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Humboldt sammelte auf allen Expeditionen Pflanzen, Tiere, Steine, die er mit nahm, um sie zu Hause auszuwerten. Er vermaß Höhen, Luft und Wasser und trug eine unglaubliche Menge an Informationen und Beobachtungen zusammen, die im Grunde jedes fassbare Maß überstieg. Wo immer er hinkam, begeistert er Menschen und fand Gleichgesinnte: Goethe, der ihn hoch verehrte, den amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, Simon Bolivár, Charles Darwin, der behauptete, ohne Humboldt nie auf seine Erkenntnis der Evolution gestoßen zu sein und viele mehr.
Humboldt war gegen Sklaverei, hat als erster erkannt, dass man nicht ungestraft in das Ökosystem der Natur eingreifen darf, und als er auf dem Chimborazo stand, begriff er, „dass die Natur ein Netz des Lebens und eine globale Kraft ist“ und dass „alles mit allem wie durch tausend Fäden verbunden ist“. Seine Ansätze zur Erforschung der Natur waren interdisziplinär, sein Wissenshorizont unvorstellbar weit.
Seine unglaublich zahlreichen Schriften, zum Teil mit wundervollen, farbigen Abbildungen als Prachtbände erschienen, machten ihn tatsächlich weltweit bekannt und veränderten die Sicht der Menschen auf die Natur. Sein Einfluss war ungeheuer und dauerte bis ins 20. Jahrhundert. Erst die beiden Weltkriege haben diesen Einfluss abgeschwächt.
Ein lesenswertes Buch, das eine Fülle von Informationen vermittelt, nicht nur zu Humboldt selber, sondern auch zu vielen, die er begeistert hat und die seine Ideen weiter getragen haben. Außerdem ist es so spannend geschrieben, dass man meint, selbst an Humboldts Reisen teilzunehmen.


Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

KiWi, 2015, 21,99 Euro, TB 10,99 Euro

Dies ist der dritte Band der Autobiographie von Joachim Meyerhoff und der erste, den
ich gelesen habe. Man kann offensichtlich alle Teile völlig unabhängig von einander
ansehen, man verpasst nichts. Während im ersten Band die Kindheit in der
Jugendpsychatrie in Schleswig beschrieben wird, wo der Autor nicht etwa als Insasse,
vielmehr als Sohn des Anstaltsdirektors gewohnt hat, und der zweite Band über ein Jahr
in Amerika berichtet, wird nun in diesem dritten erzählt, wie es dem junge Mann nach der
Schule beim sogenannten Eintritt ins Leben ergeht.
Joachim schwankt zwischen Zivildienst im Krankenhaus, wobei er sich in seiner
Phantasie als umschwärmter Held im Schwesternheim sieht, und der Schauspielerei. Die
Anziehungskraft der Schwesternheimvorstellung ist zunächst weitaus größer als die
Aussicht auf ein eher mühseliges Schauspielschülerdasein. Das erste Vorsprechen erweist
sich dann auch als nicht gerade vielversprechend. Aus Faulheit hat er lediglich eine der
drei geforderten Rollen vorbereitet. Als man ihm daraufhin die Chance zur Improvisation
gibt, versagt er kläglich. Einzig die Tatsache, dass er die eine Rolle aus Dantons Tod,
unkonzentriert zwar und abgelenkt durch die tatsächliche Trauer um den verstorbenen
Bruder, aber gerade deswegen eindrucksvoll vorbringt, verhilft ihm dazu, tatsächlich
angenommen zu werden. So zieht er nach München, weit weg von zu Hause, und wohnt
bei seinen Großeltern, die alt, wohlhabend und auf aberwitzige Weise skurril sind. Das
Buch lebt aus dem Kontrast dieser beiden unterschiedlichen Welten, in denen Joachim
hin- und herpendelt. Das ist sehr lakonisch und teilweise urkomisch beschrieben.
In der Schauspielschule erlebt Joachim die vielfältigsten Misserfolge, die ihn als so
unbegabt erscheinen lassen, dass sich der Leser unweigerlich fragt, wieso er eigentlich
dabei bleibt, warum er nicht, statt seine Zeit derartig zu vergeuden, ganz etwas anderes
mit seinem Leben anfängt. Am Ende wird das etwas ermüdend, zumal man natürlich
ahnt, dass solche Beschreibungen maßlos übertrieben sein müssen, da der Autor
inzwischen ein gefeierter Schauspieler geworden ist.
Das Leben und die Charaktere der Großeltern sind mit großer Wärme und Liebe
und teilweise ebenfalls ungeheuer witzig beschrieben, dazu am Ende sehr anrührend. Ihr
unglaublicher Alkoholkonsum kann einen zunächst verblüffen und erheitern. Aber auch
hier wird es einem schließlich ein bisschen viel, nicht nur, weil es sich ständig wiederholt,
sondern auch, weil die Auswirkungen mit zunehmendem Alter die beiden Greise
unwürdig werden lassen. Wenn der Großvater zum dritten Mal beim Rotweinholen die
Kellertreppe herunter gefallen ist, ist das nicht mehr wirklich lustig
Wenn man am Schluss des einen Bandes einen anderen zu lesen anfängt, kommt
es einem allerdings so vor, als lese man immer noch dasselbe Buch. Auch das scheint mir
ein Nachteil. Trotzdem, eine über weite Strecken sehr amüsante Geschichte.


Robert Harris, München
Heyne Verlag, 22,00 Euro

Ich habe gezögert, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen: ein Politkrimi und dann
auch noch über das Münchner Abkommen von 1938 – da ist doch gar nichts wirklich
passiert. Hitler hat die Engländer und Franzosen um den Finger gewickelt und sich dann
die Tschechoslowakei unter den Nagel gerissen. Was kann man da nach all den
Jahrzehnten, in denen man dieses dunkle Kapitel unserer Vergangenheit bis in den
hintersten Winkel ausgeleuchtet hat, noch Spannendes herausfinden? Denn die
Geschichte umschreiben, das würde Harris doch wohl nicht wollen.
Brauchte er auch nicht. Es gelingt dem Autor, in die bekannten Abläufe eine
Handlung von großer Spannung einzuflechten, die so viel mit der damaligen Realität zu
tun haben könnte, dass man tatsächlich mitfiebert und sich fragt, wie sich die Dinge
entwickeln werden.
Es fängt ganz langsam an mit einem jungen englischen Diplomaten, Hugh Legat,
der in Downing Street Nr. 10 als einer der Privatsekretäre des Premierministers Neville
Chamberlain arbeitet. Legat wird in die Aufregungen vor der erneuten Begegnung
Chamberlains mit Hitler in München einbezogen, umso mehr als ein Unbekannter ihm
ein geheimes Dokument über die tatsächlichen Absichten „des Führers“ zukommen lässt,
die Chamberlains Appeasementpolitik gegenüber Hitler beeinflussen soll. Man glaubt
Legat nicht, dass er den Verursacher dieser Nachricht nicht kennt, und tatsächlich gibt es
eine Verbindung zu dem Deutschen Paul von Hartmann, mit dem er vor Jahren
befreundet war und mit dem er in Oxford zusammen studiert hat. Von Hartmann,
ebenfalls Diplomat und im deutschen Außenministerium in Berlin tätig, ist inzwischen im
Widerstand gegen Hitler engagiert und versucht mit allen Mitteln, die europäischen
Mächte trotz Hitlers scheinbar friedfertiger Haltung von dessen unbeirrbaren Willen zum
Krieg zu überzeugen. Chamberlain ist derjenige, der am aktivsten versucht, Hitler durch
seine Beschwichtigungspolitik – in diesem Fall durch die Zusage in der Sudentenfrage –
von kriegerischen Handlungen abzubringen. Selbst als die Beweise für Hitlers gegenteilige
Absichten auf der Hand liegen, kann niemand daran glauben, weil keiner es glauben will.
Es gelingt Harris, wieder einmal, den Leser durch die genaue Kenntnis der
tatsächlichen Abläufe und Verhältnisse einerseits und eine imponierende psychologische
Darstellung der Befindlichkeiten der politischen Akteure andererseits, eine grandiose
Spannung aufzubauen. Die fiktiven Bemühungen der beiden Diplomaten, unter
Lebensgefahr, ihre unmögliche Mission durchzusetzen, ist so glaubwürdig, dass ich mich
am Ende des Buches durch einen Blick in die Geschichtsbücher vergewissern musste,
dass es sich hierbei tatsächlich nicht um eine historische Begebenheit handelt!

Daniel Kehlmann, Tyll
Rowohlt, 2017 22.95 Euro

Ein fantastischer Roman ist das, nicht nur, weil er Fantasie und Wirklichkeit so in
einander verwebt, dass man nicht recht weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt,
sondern weil er auf fantastische Weise deutlich macht, dass man der Realität des Lebens
im Grunde nicht anders als mit dem Blick des Narren beikommen kann. Die Realität, das
ist in diesem Buch der 30jährige Krieg, die Welt des 17. Jahrhunderts, in der Gewalt,
Hunger, Aberglaube, Grausamkeiten aller Art an der Tagesordnung sind. Als man Tylls
Vater, den naiven, wissensdurstigen Müller mit haarsträubenden Argumenten und unter
der Folter erzwungenen Geständnissen als Hexer zum Tode verurteilt hatte, musste Tyll
da nicht zum Narren werden? Überlebenschancen, Freiheit gar, schien nur der zu haben,
der sich außerhalb einer von Aberglauben, Unwissen und Feigheit geprägten Welt stellte.
Damit begab er sich allerdings gleichzeitig des Schutzes dieser Gesellschaft. Tylls
Freundin Nele ging trotzdem mit ihm, als dieser floh, weil auch sie in der Freiheit des
Vagantenlebens die einzige Chance für ein selbstbestimmtes Leben sah.
Die Namensgleichheit des Tyll Ulenspiegel des Romans mit dem Jahrhunderte früher
herumziehenden, altbekannten Till Eulenspiegel macht jede weitere Erklärung zur Person dieses
Tyll überflüssig. Ein Gaukler kann, ein Narr darf Dinge tun, die andere nicht können und
dürfen. Er erheitert die Menschen, er lehrt sie das Staunen und das Fürchten. In den
Anfangskapiteln, als Tylls Kindheit bis zum Tode des Vaters erzählt wird, ist besonders
beeindruckend, wie es dem von einem wütenden Knecht in mörderischer Absicht vor das
Mühlrad in den Bach geworfenen Jungen gelingt, durch Verstand und schieren Überlebenswillen,
sich unter dem Rad am Boden entlang zu hangeln und so dem sicheren Tod zu entgehen. Dieser
Überlebenswille kennzeichnet ihn auch fortan.
Die Welt des kleinen Dorfes wird durch Beschreibungen der Kriegswirren und
Schlachtfelder abgelöst, wenn ein dicker Graf Tyll aus dem Kloster Andechs an den
Wiener Hof bringen soll, oder das Schicksal des Winterkönigs und seiner englischen
Gemahlin erzählt wird, die den Krieg letztlich ausgelöst haben und am Ende so ärmlich
hausen müssen wie die ärmsten Dorfbewohner. Zeitweise ist Tyll ihr Hofnarr. Schließlich
begegnet er Athanasius Kircher wieder, der ehemals seinen Vater als Hexer erkannt hatte
und inzwischen als gelehrter Wissenschaftler gilt. Die Windigkeit dieses Menschen findet
ihren Gipfel in dessen eigener Behauptung, dass man dort, wo wissenschaftliche Beweise
fehlen, diese durch kluge Erfindungen ersetzen müsse. Lug und Trug überall, auch Tyll ist
ein hervorragender Lügner. Worauf kommt es eigentlich an im Leben? Die im Grunde
willkürlich zusammengestellten Episoden des Romans, die durch die Figur des Tyll nur
vage verbunden werde, zeigen eine aus den Fugen geratene Welt, in der nichts einen Wert
zu haben scheint. Das Leben ist kurz, der Tod allgegenwärtig. Das Angebot der
englischen „Winterkönigin“ am Ende des Buchs, Tyll einen ruhigen Lebensabend am
englischen Hof zu beschaffen, schlägt er aus. So etwas wie Ruhe und Frieden scheint gar
nicht möglich. Tyll hat da eine bessere Idee: er weigert sich ganz einfach zu sterben. Ein
wirklich fantastischer Roman. Brigitte Tietzel

Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren
Faber & Faber, 2000

Wer Ishiguros wundervollen Roman „Was vom Tage übrigblieb“ gelesen hat, wird gern in
die Geschichte von Christopher Banks eintauchen, der ebenso ruhig und leicht
melancholisch seinen Werdegang erzählt. Er lebt in England, in den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts, hat gerade die Universität abgeschlossen und nennt als sein Berufsziel:
Detektiv zu werden. Das gelingt ihm in der Folgezeit. Er arbeitet sich zu einem der
renommiertesten Meister seines Faches empor. Seine gesellschaftliche Stellung ist sehr
befriedigend. Alles ist sehr britisch, die Leute sind vornehm, liebenswürdig, diszipliniert,
zurückhaltend. Wir erfahren in Christophers rückblickenden Erinnerungen, dass er
zunächst mit seinen Eltern in Shanghai, im „Internationalen Settlement“ wohnte. Dort
spielte er gern mit einem japanischen Nachbarsjungen. Eines Tages verschwindet sein
Vater, dessen Firma in den Opiumhandel verwickelt ist, kurz darauf seine Mutter.
Christopher wird zu einer Tante nach England gebracht, wo er fortan aufwächst.
Zunächst ist unklar, ob die Eltern gestorben sind (Titel!), dann heißt es, sie seien
damals entführt worden. Dieser „Fall“ ist offensichtlich der Grund für Christophers
Berufswahl. So weit, so gut.

Dann erhält er eines Tages einen Brief (es bleibt völlig unklar, von wem und was
darin steht), der ihn veranlasst, nach Shanghai zurück zu kehren, offensichtlich, um den
Fall seiner Eltern zu lösen. Was jetzt folgt, ist gänzlich unverständlich, voller
geheimnisvoller Andeutungen, die den Leser ratlos lassen und zudem so absurd, dass man
geneigt ist, sich „veräppelt“ vorzukommen. Inzwischen sind nämlich die Japaner in
China eingefallen, es herrscht Krieg, und in Shanghai wird geschossen. Christopher sucht
ein Haus, von dem er glaubt, dass dort seine entführten Eltern festgehalten werden (nach
mehr als zwanzig Jahren!). Das Haus befindet sich mitten im Kampfgebiet, alles ringsum
ist zerstört, Leichen liegen auf seinem Weg. Trotzdem sucht er nach dem unbekannten
Haus. Er trifft auf seinen verwundeten japanischen Freund aus Kindertagen, der aber ein
Verräter sein soll und von japanischen Soldaten abgeführt wird, die Christopher
schließlich zurück zum englischen Konsulat bringen. Das Haus hat er nicht gefunden.
Dort besteht er darauf, eine ominöse „Gelbe Schlange“ zu treffen, irgendeinen
Verbindungsmann zu irgendwem, alles völlig nebulös. Der Mann stellt sich als sein Onkel
Philipp heraus, der ihm die einerseits banale Geschichte des Verschwindens seines Vaters
und andererseits die abstruse Geschichte des Verschwindens seiner Mutter erzählt.
Man traut seinem eigenen Verstand nicht, wenn man das liest. Nebenhandlungen
mit einer Frau namens Sarah und andere seien hier erst gar nicht erwähnt, weil sie zu
nichts führen und man sich fragen muss, warum sie überhaupt erzählt werden. Zum
guten Schluss, zwanzig Jahre später, fährt Christopher nach Hongkong, wo er in einem
Heim für Geisteskranke seine Mutter wiederfindet (wie auch immer er darauf gekommen
ist), die ihn aber nicht erkennt. Hier kehrt Ishiguro zu dem ruhigen, nachdenklichen
Erzählstil vom Anfang zurück.
Ein sehr seltsames Buch


Juli Zeh, Leere Herzen

Catalin Dorian Florescu, Der Mann, der das Glück bringt
Marjaleena Lembcke, Wir bleiben nicht lange
Betty Smith, Ein Baum wächst in Brooklyn
Andrea Wulf, Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Robert Harris, München
Daniel Kehlmann, Tyll
Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren

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