Buchbesprechungen 2019


Die folgenden Besprechungen wurden uns zur Verfügung gestellt von Brigitte Tietzel, der früheren Leiterin des Deutschen Textilmuseums in Linn.

Dörte Hansen, Altes Land

Das ist ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Es geht um das Leben dreier Frauen, die drei Generationen einer Familie verkörpern.1945 muss Hildegard von Kamcke aus Ostpreußen fliehen und landet mit ihrer fünfjährigen Tochter Vera auf einem Bauernhof im Alten Land bei Hamburg. Sie und andere Flüchtlinge werden als „Polacken“ verschrien. Sie sind nicht gut gelitten, kaum dass man ihnen zu essen gibt. Hildegard, die einen kleinen Sohn auf der Flucht erfroren in seinem Kinderwagen am Straßenrand zurücklassen musste, stiehlt der Bäuerin Milch, um ihr letztes Kind zu retten. Wider Willen lässt die Bäuerin, Ida Eckhoff, die beiden bleiben, denn die „Polackin“ ist eine tüchtige Erntehelferin. Dass die dann nicht nur bleibt, sondern ihr erst den Sohn, den aus dem Krieg versehrt Heimgekommen, wegnimmt und dann noch den Hof, wird sie nicht überleben. Aber die Fremden bleiben heimatlos. Hildegard wird Mann und Hof für einen anderen verlassen, mit dem sie in Hamburg standesgemäßer leben kann und mit dem sie eine weitere Tochter, Marlene, bekommt. Vera, das Kriegskind, lässt sie im Alten Land zurück. Vera scheint niemals Fuß zu fassen in dem alten Haus, dessen Geräusche ihr ein Leben lang Angst machen. Sie ist eine exzellente Schülerin, studiert, wird Zahnärzten, behauptet sich kämpferisch in dem Dorf, in dem man sie nicht liebt, aber dennoch irgendwie akzeptiert. Dabei hat sie, ohne dass dadurch ihr Gefühl von Verlorenheit aufgehoben würde, eine sehr starke Bindung an ihren Stiefvater, für den sie sorgt, den sie liebt und der sie liebt, ohne dass beide je darüber sprechen müssen. Allein das schon könnte ihr zeigen, wohin sie gehört. Als der Vater stirbt, entsteht trotz aller vorhergehenden Widerborstigkeiten eine tröstliche Nähe zum Nachbarn Heinrich. Marlene, die Stiefschwester, die aus der ostpreußischen Vergangenheit von Mutter und Halbschwester ausgeschlossen bleibt, gibt die Lieblosigkeit und die Kälte, die sie von ihrer Mutter erfahren hat, an ihre Tochter Anne weiter. Deren Leben scheitert in dem Augenblick, als sie begreift, dass ihr großes musikalisches Talent von dem des begnadeten Bruders übertroffen wird. Sie lernt die Tischlerei, sie arbeitet als Flötenlehrerin in einem vornehmen Hamburger Vorort, zu dessen Bewohnern sie große emotionale Distanz empfindet. Und sie hat einen Sohn von einem Mann, der sie nicht heiratet. Als der sie schließlich betrügt, flieht sie mit dem Sohn zu ihrer Tante Vera.Es gelingt der Autorin, Gedanken, Gefühle, Vorurteile knapp und treffend, mit Humor und Ironie zu formulieren, so dass ganze Familiensituationen und Lebensentscheidungen oder auch kurze Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen ummittelbar verständlich sind. Dass dabei mancherlei Klischees bemüht werden, bleibt nicht aus, ist aber nicht wirklich störend, eher erhellend. Wohltuend ist die neutrale, völlig werturteilsfreie Beschreibung der Personen.Am Ende finden die beiden Heimatlosen, Tante und Nichte, zu einander. Das  wird mit unsentimentaler, gleichwohl anrührender Behutsamkeit deutlich.Ein wunderbar tröstlicher Schluss. Brigitte Tietzel


Hermann Kant, Die Aula (1965)

Der Autor starb, 90jährig, im August 2016, und er war einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR. Er war Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer, Mitglied im PEN-Zentrum Ost und West. Er war involviert in die Ausbürgerung Wolf Biermanns und inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für  Staatssicherheit. Eine zwielichtige Person, so will einem scheinen, und linientreu bis zuletzt. Kann so jemand ein Buch wie „Die Aula“ (erschienen 1965) schreiben, so voller Sprachgewalt und Sprachwitz, so voller scheinbar ironischer Distanz zu den Errungenschaften der neu aufzubauenden sozialistischen Republik? Es fällt einem schwer, die beiden Personen überein zu bringen.Kant wurde in Hamburg geboren, diente 1944 in der Wehrmacht und ging, nachdem er aus polnischer Gefangenschaft entlassen war, 1949 in die DDR, wo er die ABF (Arbeiter und Bauernfakultät) besuchte, um die es in diesem Roman geht, der in weiten Teilen autobiografisch ist. In dieser Fakultät gab man unterprivilegierten Personen die Möglichkeit, das Abitur nachzumachen und schließlich zu studieren. Dass alle beschriebenen Menschern hier diese Möglichkeit aufs Beste nutzen und voller Eifer ihr Ziele erreichen, gehört sicher zu den geschönt dargestellten Verhältnissen in der DDR, wie Marcel Reich-Ranicki Kant vorgeworfen hat.Im Roman wird einem der Protagonisten, Robert Iswall, aufgetragen, zehn Jahre nachdem die Jungen, um die es hier geht, die Fakultät verlassen haben, eine Festrede zur beabsichtigten Schließung dieser Fakultät zu halten. Das veranlasst ihn, über die Vergangenheit nachzusinnen. Erinnerungen an eine tolle Zeit werden wach, in der eine Gruppe von jungen Leuten eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet hatte.Kant gelingt es, diese Zeit sehr lebendig werden zu lassen und teilweise ist das unglaublich komisch. Es erinnert einen an die eigene Jugend mit alle den vielen Facetten an Freud und Leid und Ungeduld und Hoffnung, an all den Unsinn, den man als junger Mensch zu machen pflegt.Es stimmt, dass die politischen Verhältnisse unkritisch gesehen werden, dass die Republikflucht des einen nicht näher erläutert wird, aber darüber hinaus ist es ein Buch über persönliche Beziehungen und über eine Freundschaft, die in einem einzigen, unerträglichen Augenblick in die Brüche geht. Robert veranlasst aus Eifersucht, dass sein Freund Trullesand für sieben Jahre nach China geschickt wird und dafür eine Kommilitonin, die mitgehen soll, heiraten muss. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf, die Partei, die diesen unerhörten Vorgang gebilligt hat, so wurde Kant vorgeworfen, habe also auch hier mal wieder Recht behalten. Das mag einen stören. Aber unabhängig von der politischen Dimension, berührt einen die menschliche Seite dieser Geschichte sehr.Kant selbst muss einmal gesagt haben, er hoffe, „dass ich jenseits von allem anderen Gut und Böse hin und wieder gesagt kriege: Schuft magst du ja wohl sein, aber schreiben kannst du ganz ordentlich! Das reicht mir!“ Es kann nicht reichen für die Absolution eines, der womöglich große Schuld auf sich geladen hat. Aber für diesen Roman trifft es sicher zu. Brigitte Tietzel


Takis Würger, Stella


Sobald der Roman Anfang des Jahres erschien, hat er heftige Reaktionen und viele positive wie negative Kritik hervorgerufen. Davon völlig unberührt, habe ich das Buch unbefangen gelesen und muss gestehen, dass mich die Geschichte und auch die Sprache, die kurzen Sätze gefangen genommen und nicht mehr losgelassen haben. Erst nach einer Weile habe ich begriffen, um wen es in den eingeschobenen Prozessakten geht, die davon handeln, dass eine bestimmte Person in Berlin in den 40er Jahren Juden aufgespürt und verraten hat. Und auch erst nach und nach ist mir klar geworden, dass die Liebesgeschichte zwischen dem naiven Jungen aus der Schweiz und der blonden Schönen, die ihn in das Berliner Leben und eben in die Liebe einführt, im Grunde banal und seicht ist und für die Zeit und die Umstände eigentlich unerträglich. Denn dieser Jüngling aus gutem Schweizer Industriellenhaus, kommt mitten im Krieg ohne rechte Notwendigkeit, allein weil er wissen möchte, was mit den Juden im Berliner Scheunenviertel passiert, nach Berlin, und wohnt dort im Hotel Adlon, ausgerechnet. Geld spielt keine Rolle. Die Liebenden ergötzen sich an Champagner und Austern.Bis Kristin sich eines Tages als Jüdin Stella outet, die von den Nazis gefoltert und, um ihre Eltern zu retten, erpresst wird, andere Juden aufzuspüren und zu verraten. Auch als die Eltern schließlich deportiert sind, macht Stella weiter und biedert sich bei den Nazis an, um singen zu können.Es hätte eine richtig spannende, aufwühlende Geschichte werden können, die sich um Fragen gedreht hätte wie: darf man Schuld auf sich laden, um die geliebten Eltern zu retten? Warum macht Stella weiter, als dieser Grund wegfällt? Wie geht der Geliebte mit diesem grässlichen Konflikt um? usw.Ein Hauptpunkt der Kritik, die dem Autor gar eine Strafanzeige einbrachte, war, dass das Andenken an die tatsächliche Person Stella Goldschlag, die sich 1994 72jährig das Leben nahm, verunglimpft würde. Ich frage mich, warum Würger den Namen überhaupt genannt hat, der ihm diese große Aufmerksamkeit garantierte. Er hätte sich, ohne Einbeziehung der namentlichen Enthüllung einfach auf die Fakten beziehen können und in seinem Roman – denn er besteht darauf, dass es eben ein Roman ist und nur einige der genannten Ereignisse tatsächlich der Wahrheit entsprechen – diesen Konflikt einer gravierenden Schuld bearbeiten können, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wie geht der Täter mit seiner Schuld um, wie derjenige, der erfährt dass die geliebte Person sich auf diese Weise schuldig gemacht hat. Der Schweizer Friedrich des Romans, der im Übrigen keinerlei Schlüsse aus den Beobachtungen des Scheunenviertels gezogen hat, verlässt Deutschland einfach. Und auch Würger entzieht sich jeder Stellungnahme, weicht damit allen Problemen aus, so scheint mir, verlässt sich darauf, dass die Bloßstellung der Stella Goldschlag es schon richten wird. Schade.Brigitte Tietzel


Graham Swift, Ein Festtag

Der 30. März 1924, Mothering Day, Muttertag. Die Dienstboten bekommen frei an diesem Sonntag, um ihre jeweiligen Mütter zu besuchen. Jane Fairschild ist 22 Jahre alt und Dienstmädchen im Hause der Nivens, und auch sie bekommt frei, obwohl sie Waise ist und keine Mutter besuchen kann. Für sie soll es dennoch ein Festtag ganz besonderer Art werden. Ein Tag zudem, an den sie sich ihr Leben lang erinnern wird. An diesem Tag nämlich bekommt sie einen Anruf von Paul Sheringham, der bald Emma Hobday heiraten wird, beide Angehörige einer Oberschicht. Der Anruf beordert Jane zum Hause der Sheringhams. Beordert muss man es wohl nennen, obwohl die beiden bereits seit langer Zeit ein Liebespaar sind. Anders als all die Male vorher treffen sich Paul und Jane nicht in einem heimlichen Versteck. Sie soll zum Haupteingang des Hauses kommen, der ihr zudem vom Sohn des Hauses, von Paul, geöffnet wird. Das ist ein unerhörter Vorgang, und Jane ist sich seiner Einmaligkeit, seiner Unwiederholbarkeit durchaus bewusst, und sie genießt das. Möglich wurde die Begegnung, weil sowohl die Herrschaft als auch die Dienstboten wegen des Festtages nicht im Hause sind und auch nicht zurückkommen  werden. Nachdem die beiden sich geliebt haben, liegt Jane nackt auf dem Bett und beobachtet Paul wie er, ebenfalls nackt, im Sonnenlicht durch das Zimmer geht. Er muss seine Verlobte zum Lunch treffen, aber er beeilt sich nicht, macht eher langsam, als er sich anzieht und genießt es seinerseits, dass Jane ihm dabei zusieht. Sie sprechen nicht mit einander. Erst als Paul sich verabschiedet, fordert er Jane auf, das Haus als das ihre zu betrachten. Dann geht er, und Jane nimmt das Haus tatsächlich auf ihre Weise in Besitz, indem sie nackt, wie sie ist, durch alle Räume spaziert. Das alles wird quälend langsam erzählt. Man weiß nicht, ob man befürchten soll, es käme doch jemand nach Hause und überraschte das nackte Dienstmädchen in dieser fremden Umgebung. Und dann ist da ein Satz, der dem Ganzen eine neue Bedeutung gibt. Es schlägt 2 Uhr und: „Jane wusste nicht, dass er da schon tot war.“ Nach und nach erfährt der Leser, der bis dahin nur Janes Sicht der Dinge, ihre Gedanken und Überlegungen kannte, was an diesem Tag sonst noch geschah, wie Paul gestorben ist. Und wie Jane mit den Neuigkeiten, die man ihr unterbreitet, umgehen muss, denn der Tod des Sohnes aus gutem Hause kann von ihr nur in zurückhaltender Weise aufgenommen werden. Wenige eingestreute Bemerkungen machen deutlich, dass diese Geschichte aus der Sicht der sehr viel älteren Jane erinnert wird.Das weitere Leben der Jane Fairchild ist ungewöhnlich, erklärt aber die haargenaue Analyse dieses Festtages. Sie wird ihre Stellung aufgeben, in Oxford zunächst in einer Buchhandlung arbeiten und schließlich Schriftstellern werden, ehe sie, fast 100jährig, selber stirbt.Brigitte Tietzel


Dennis Gastmann, Atlas der unentdeckten Länder

Der Titel ist irreführend, denn unentdeckte Länder gibt es heutzutage nicht mehr oder kaum noch, und Dennis Gastmann ist nicht dort gewesen. Aber er ist in ziemlich abgelegenen, schwer zugänglichen Gegenden dieser Welt gewesen, und man kann nur staunen über seinen Mut, seine Gelassenheit und seine Leidensfähigkeit, oder vielleicht besser, seine Bereitschaft, viel Unbill zu ertragen, um tatsächlich an jene Orte zu gelangen, die selbst nach seinen eigenen Beschreibungen nicht wirklich lohnenswerte Reiseziele scheinen. Aber was heißt das schon. Die Bewertungen solcher Unternehmungen sind natürlich subjektiv, und es steht außer Frage, dass jede Reiseerfahrung einen bereichert und schlauer werden lässt. Ich muss gestehen, dass ich freiwillig keinen einzigen dieser Orte aufgesucht hätte, die hier beschrieben werden. Obwohl ich, aufgehoben im Schutz einer behüteten Reisegruppe, in Usbekistan vergleichbar kuriose Erfahrungen mit der Obrigkeit beim Grenzübergang gemacht habe. Ich wäre nicht nach Transnistrien gereist, in die desolate, Angst einflößende Verkommenheit einer Plattenbauidylle, wo Alkoholprobleme noch zu den weniger schrecklichen Erfahrungen gehören, und ich würde heute nicht einmal mehr in die Südsee reisen, die doch seit meiner Kindheit ein lang gehegter, schließlich aber resigniert aufgegebener Reisewunsch gewesen ist. Denn ich bin zu der Überzeugung gekommen, und Gastmanns Erfahrungen scheinen dies zu bestätigen, dass das Paradies heutzutage, auf Erden jedenfalls, nicht mehr zu finden ist. Das, was man in den Völkerkundemuseen bei uns über Völker und Gesellschaften dieser weit entfernten Länder sehen und lernen kann und das in vielen Fällen Bewunderung hervorruft und ja, auch Sehnsüchte  weckt, gibt es  außer in den Museen sonst nicht mehr. Was soll man von einer Insel halten, auf der die wenigen, übrig gebliebenen Einwohner auf ein Schiff warten, das alle drei Wochen vorbei kommt, um die Annehmlichkeiten der modernen Welt abzuladen, darunter Benzin für ein Quad, das zu nichts gut ist, als auf einer kleinen Insel einen Höllenlärm zu machen? Trotzdem habe ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen und mit tiefer Befriedigung, nicht selber zu all den grässlichen Orten gefahren zu sein. Wenige Male allerdings, bei der Beschreibung etwa, dass der Autor morgens vom Blas eines Wales aufgeweckt wurde, der in der Bucht vor seinem Zimmer schwamm,  wollte ein leichter Neid aufkommen. Gastmann beschreibt seine Gefühle auf ironische Weise schonungslos, und man ist ihm dankbar, dass er die Dinge beim Namen nennt und nicht verklärt. Dass er gern gereist ist, glaubt man ihm sofort, und man nimmt ihm ab, dass all die kuriosen Menschen, denen er begegnet ist, ihn bereichert haben, dass manche vielleicht zu Freunden geworden sind. Und auf jeden Fall ist es ihm gelungen, die Fremdartigkeit, die Andersartigkeit, manchmal wohl auch die eigenen Vorbehalte zu benennen, ohne jemals überheblich oder respektlos zu sein. So kann auch der weniger abenteuerlich gesinnte Leser von diesen Reisen profitieren und großen Gewinn daraus ziehen. Brigitte Tietzel

Volker Reinhardt, Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt


Leonardo da Vinci scheint uns einer der größten Künstler der Renaissance und nicht selten wird er ein Genie genannt. Warum eigentlich? Ohne Zweifel war Leonardo ein genialer Maler, und immerhin kann seine Mona Lisa für sich beanspruchen, das bekannteste Gemälde überhaupt zu sein. Allerdings: nach Reinhardts Auflistung sind lediglich 22 Bilder von ihm überliefert, und nicht einmal diese sind alle gesichert. Worin also lag das Geheimnis, das diesen Mann so berühmt machte?In einem aufschlussreichen letzten Kapitel macht der Autor deutlich, dass sich die Beurteilung dieses Künstlers im Laufe der Jahrhunderte vielfach geändert hat und dass die Verehrung des Genies Leonardo erst im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert entstand und vielfach mit Kriterien zu tun hatte, die keineswegs mit seiner künstlerischen Leistung, sondern eher mit der eigenen Zeit. Zu Lebzeiten und vor allem in der Beurteilung von Vasari, der seine Künstlerbiographien um die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, wurde Leonardo eher weniger geschätzt, und mit Ausnahme von König Franz I. von Frankreich, der Leonardo nach Amboise holte und ihn großzügig mit Geld und Gütern ausstattete, zahlten ihm andere Auftraggeber mit Mühe einen sehr geringen Lohn.Leonardo war der uneheliche Sohn eines Florentiner Advokaten, der ihn in die Lehre bei Meister Verrocchio gab. Die Legende will es, dass der Vater die große Begabung des Sohnes frühzeitig erkannte, aber Reinhardt belehrt uns eines Besseren. Denn statt dies als eine weise Entscheidung zu begreifen, empfand Leonard sie als Zurückweisung, die sie tatsächlich war. Er durfte nicht zur Schule, durfte nicht lernen, und dies hat ihn Zeit seines Lebens geschmerzt. Da er kein Latein konnte, war er von der Lektüre wichtiger Schriften ausgeschlossen. Er zählte nicht zu den Vornehmen, den Gelehrten, die er glaubte für ihre Oberflächlichkeit verachten zu dürfen. Fast jeder hat von den wunderbaren Skizzenbüchern gehört und Abbildungen von Blättern daraus gesehen, vollgeschrieben mit Gedanken und Beobachtungen in Spiegelschrift und unendlich vielen Zeichnungen zur Natur, zu menschlichen Studien und vor allem technischem Gerät, weswegen man glaubte, er sei seiner Zeit weit voraus. Aber nichts davon hat damals funktioniert und würde es auch heute nicht tun. Er gilt als genialer Ingenieur und Baumeister, aber er hat kein einziges Bauwerk errichtet und auch keine Festungsanlagen gebaut. Er stand Jahrzehnte im Dienste der Mailänder Sforza. Das einzige, wofür man ihn dort lobte und auch bezahlte, war die Ausrichtung von Festlichkeiten. Und dann natürlich das Abendmahl, das schließlich für seine Berühmtheit sorgte. Die Bewunderung hierfür, wie auch für andere Gemälde, bezog sich auf die Echtheit und Lebendigkeit, mit einem Wort: auf die Naturnähe der Malerei. Das war es, woran Leonardo Interesse hatte: die Natur. Ihren Geheimnissen wollte er auf die Spur kommen. Seine Malereien sollten die Natur nicht nur abbilden, sondern erklären, interpretieren. Er sah sich als Maler-Philosoph. Deswegen malte er auch hauptsächlich für sich selber. Viele Auftragsbilder stellte er nicht fertig, andere Aufträge nahm er erst gar nicht an. Damit machte er sich bei seinen Zeitgenossen unbeliebt und geriet in sehr schlechten Ruf.Das eigentliche Genie dieses großartigen Malers, das macht der Autor deutlich, lag in seinem sperrigen Charakter, seinem nimmer ruhenden Wissensdurst. Er wollte niemandem schön tun und niemandem gefällig sein. Er ging unbeirrt seinen Studien nach; alle seine Aufzeichnungen dienten offensichtlich dazu, die Welt, die Natur zu verstehen, hinter die Geheimnisse des Lebens zu kommen. Deswegen die heimliche Sezierung von Leichen, deswegen die Versuche, mit utopischen Maschinen die Grenzen der Technik auszuloten. Darin, dass er zu seiner Zeit all diese Fragen gestellt hat, auch wenn er unmöglich Antworten darauf finden konnte, lag sein tatsächliches Genie. Auch für Nicht-Kunsthistoriker sehr interessant.Brigitte Tietzel

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