Buchbesprechungen 2017

Die Frühjahrsempfehlungen des anderen Buchladens folgen der Aufforderung Franz Kafkas “Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns” und Jean Pauls Motto “Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten...”, teilweise auch Friedrich Hölderlins „Wo aber
Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“

Fatma Aydemir: Ellbogen
Seitdem die “Gastarbeiter” nicht mehr nur Gäste sind und die “Flüchtlinge” lieber bleiben wollen, wird Integration groß geschrieben. Dass das selbst für hier Geborene mit “Migrationshintergrund” eine Zerreißprobe sein kann, schildert die taz-Autorin Fatma Aydemir in ihrem ersten Roman. Die 18-jährige Hazal, deren Eltern aus der Türkei einwanderten, lebt zwischen zwei Welten, sie sucht vergeblich ihren Platz, ihre Selbstwahrnehmung ist stark außengesteuert. Ihre Frustration mündet in einen Gewaltakt, der sie zur Flucht nach Istanbul treibt, den Sehnsuchtsort für viele junge Deutschtürken. Und das  just zur Zeit des Putschversuchs. „Eines der wahrhaftigsten Bücher,  ein Wahnsinn von einem Roman” (Feridun Zaimoglu).

Hanser Verlag , 270 Seiten, gebunden, 20 €


Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern
Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin, demonstriert gegen Assad und landet im Gefängnis. Hammoudi hat eine Stelle als Arzt im besten Krankenhaus von Paris bekommen, muss wegen Passformalitäten nach Damaskus und landet im
Krieg. Zwei Jahre später wird sie im Meer treiben, er im überfüllten Schlauchboot flüchten...  Olga Grjasnowa, in Aserbaidschan geboren und aufgewachsen, kam mit elf als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Ihr Debütroman war "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Ihre Romane erinnern uns daran, dass es sehr viele Welten gibt, und dass es sich lohnt, sie kennenzulernen.

Aufbau Verlag, 309 Seiten, gebunden, 22 €


J.L. Carr: Ein Monat auf dem Land
Tom Birkin hat im Ersten Weltkrieg gekämpft; traumatisiert wurde er von seiner Frau verlassen. Er hofft, in der Ruhe und Einfachheit Yorkshires zu gesunden. Der stotternde und unter chronischen
Gesichtszuckungen leidende Restaurator soll das mittelalterliche Wandgemälde in der örtlichen Kirche freilegen. Seine beschädigte Seele beginnt, sich bei der Arbeit und den Gesprächen mit den
Dorfbewohnern, einem zeltenden Archäologen und der schönen Frau des Pfarrers zu erholen. Die melancholische Heiterkeit dieser Erzählung vermag dies auch mit mancher mitgenommenen Leserseele. Obwohl 1980 für den Booker Preis nominiert und 1987 mit Colin Firth und Kenneth
Branagh verfilmt ist dieses Buch erst im letzten Jahr erschienen.

DuMont Verlag, gebunden, 144 Seiten, 18 €



Patti Smith: M Train. Erinnerungen.
Eigentlich sollte man im Jahr des Literaturnobelpreises für Bob Dylan seine
Autobiografie “Chronicles” oder seine zweisprachigen “Lyrics” empfehlen; stattdessen sei auf die Erinnerungen der Autorin und Sängerin verwiesen, die ihn bei der Verleihung des Preises in Stockholm singend vertrat. Nach “Just Kids” über ihre ersten Jahre in New York mit dem später weltberühmten Fotografen Robert Mapplethorpe erschienen 2016 Erinnerungen über das Leben danach, über ihre Vorbilder, Weggefährten, ihre große Liebe, das Alleinsein, Literatur und Musik: “M Train”. Selbst wer nicht zu ihrem Song “Because (the night belongs to lovers)” getanzt oder geliebt hat, sollte dem Urteil eines großen deutschen Nachrichtenmagazins vertrauen: “Sätze, die vor Schönheit funkeln. Wer das liest, wird sich in Patti Smith verknallen.”  

Kiepenheuer & Witsch, gebunden, 336 Seiten; 19,99 €


Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf
100 Jahre nach der russischen Revolution 1917 empfiehlt es sich, an Romane wie  Michail Ossorgins “Eine Straße in Moskau”, Andrej Platonows “Die Baugrube “, Boris Sawinkows "Das schwarze Pferd", Artjom Wesjolys "Blut und Feuer", Isaak Babels "Die Reiterarmee" und Boris Pasternaks "Doktor
Schiwago"  zu erinnern. Hier sei jedoch besonders „einer der ganz großen Romane der europäischen Literatur“ genannt, der den Bogen von den Wirren zwischen Weiß und Rot und dem Exilleben in Paris schlägt: Gaito Gasdanows „Phantom...“. Ein ehemaliger Weißgardist, der im Russischen Bürgerkrieg unbeobachtet einen Mann getötet hat, liest in der Emigration eine Erzählung , in der die genauen Umstände dieser Tötung geschildert werden. Auf der Suche nach dem Autor verliebt er sich in eine rätselhafte Exilrussin, durch die er wieder in den Strudel der frühen Jahre gerät.

Hanser Verlag, gebunden, 192 Seiten, 17,90 €
dtv Verlag, kartoniert, 190 Seiten, 9,90 €

Willi Winkler: Luther - Ein deutscher Rebell
500 Jahre nach der lutherischen Revolution 1517 gibt es jede Menge Bücher über den “Ketzer” und seine Zeit (z.B. Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde - Reise in die Lutherzeit, Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, Heinz Schilling: Martin Luther - Rebell in einer Zeit des Umbruchs,  Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther) – meist
von Geschichts-, Kultur- oder Religionswissenschaftlern.  Der Schriftsteller, Journalist, Übersetzer, Sachbuchautor und Literaturkritiker Winkler hat Bücher über die Beatles, Stones, Dylan und die RAF geschrieben und wirft als kultureller Katholik einen anderen Blick auf den Umstrittenen, der für ihn einen ungeheuren Modernisierungsschub angestoßen hat: “Papst Franziskus sollte Martin Luther heiligsprechen.” 

Rowohlt Verlag. gebunden, 640 Seiten. 29,90 €

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