Buchbesprechungen 2018

Die folgenden Besprechungen wurden uns zur Verfügung gestellt von Brigitte Tietzel, der früheren Leiterin des Deutschen Textilmuseums in Linn.

Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Robert Harris, München
Daniel Kehlmann, Tyll
Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren

Für Sie gelesen von Brigitte Tietzel:
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
KiWi, 2015, 21,99 Euro, TB 10,99 Euro

Dies ist der dritte Band der Autobiographie von Joachim Meyerhoff und der erste, den
ich gelesen habe. Man kann offensichtlich alle Teile völlig unabhängig von einander
ansehen, man verpasst nichts. Während im ersten Band die Kindheit in der
Jugendpsychatrie in Schleswig beschrieben wird, wo der Autor nicht etwa als Insasse,
vielmehr als Sohn des Anstaltsdirektors gewohnt hat, und der zweite Band über ein Jahr
in Amerika berichtet, wird nun in diesem dritten erzählt, wie es dem junge Mann nach der
Schule beim sogenannten Eintritt ins Leben ergeht.
Joachim schwankt zwischen Zivildienst im Krankenhaus, wobei er sich in seiner
Phantasie als umschwärmter Held im Schwesternheim sieht, und der Schauspielerei. Die
Anziehungskraft der Schwesternheimvorstellung ist zunächst weitaus größer als die
Aussicht auf ein eher mühseliges Schauspielschülerdasein. Das erste Vorsprechen erweist
sich dann auch als nicht gerade vielversprechend. Aus Faulheit hat er lediglich eine der
drei geforderten Rollen vorbereitet. Als man ihm daraufhin die Chance zur Improvisation
gibt, versagt er kläglich. Einzig die Tatsache, dass er die eine Rolle aus Dantons Tod,
unkonzentriert zwar und abgelenkt durch die tatsächliche Trauer um den verstorbenen
Bruder, aber gerade deswegen eindrucksvoll vorbringt, verhilft ihm dazu, tatsächlich
angenommen zu werden. So zieht er nach München, weit weg von zu Hause, und wohnt
bei seinen Großeltern, die alt, wohlhabend und auf aberwitzige Weise skurril sind. Das
Buch lebt aus dem Kontrast dieser beiden unterschiedlichen Welten, in denen Joachim
hin- und herpendelt. Das ist sehr lakonisch und teilweise urkomisch beschrieben.
In der Schauspielschule erlebt Joachim die vielfältigsten Misserfolge, die ihn als so
unbegabt erscheinen lassen, dass sich der Leser unweigerlich fragt, wieso er eigentlich
dabei bleibt, warum er nicht, statt seine Zeit derartig zu vergeuden, ganz etwas anderes
mit seinem Leben anfängt. Am Ende wird das etwas ermüdend, zumal man natürlich
ahnt, dass solche Beschreibungen maßlos übertrieben sein müssen, da der Autor
inzwischen ein gefeierter Schauspieler geworden ist.
Das Leben und die Charaktere der Großeltern sind mit großer Wärme und Liebe
und teilweise ebenfalls ungeheuer witzig beschrieben, dazu am Ende sehr anrührend. Ihr
unglaublicher Alkoholkonsum kann einen zunächst verblüffen und erheitern. Aber auch
hier wird es einem schließlich ein bisschen viel, nicht nur, weil es sich ständig wiederholt,
sondern auch, weil die Auswirkungen mit zunehmendem Alter die beiden Greise
unwürdig werden lassen. Wenn der Großvater zum dritten Mal beim Rotweinholen die
Kellertreppe herunter gefallen ist, ist das nicht mehr wirklich lustig
Wenn man am Schluss des einen Bandes einen anderen zu lesen anfängt, kommt
es einem allerdings so vor, als lese man immer noch dasselbe Buch. Auch das scheint mir
ein Nachteil. Trotzdem, eine über weite Strecken sehr amüsante Geschichte.


Für Sie gelesen von Brigitte Tietzel: Robert Harris, München
Heyne Verlag, 22,00 Euro

Ich habe gezögert, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen: ein Politkrimi und dann
auch noch über das Münchner Abkommen von 1938 – da ist doch gar nichts wirklich
passiert. Hitler hat die Engländer und Franzosen um den Finger gewickelt und sich dann
die Tschechoslowakei unter den Nagel gerissen. Was kann man da nach all den
Jahrzehnten, in denen man dieses dunkle Kapitel unserer Vergangenheit bis in den
hintersten Winkel ausgeleuchtet hat, noch Spannendes herausfinden? Denn die
Geschichte umschreiben, das würde Harris doch wohl nicht wollen.
Brauchte er auch nicht. Es gelingt dem Autor, in die bekannten Abläufe eine
Handlung von großer Spannung einzuflechten, die so viel mit der damaligen Realität zu
tun haben könnte, dass man tatsächlich mitfiebert und sich fragt, wie sich die Dinge
entwickeln werden.
Es fängt ganz langsam an mit einem jungen englischen Diplomaten, Hugh Legat,
der in Downing Street Nr. 10 als einer der Privatsekretäre des Premierministers Neville
Chamberlain arbeitet. Legat wird in die Aufregungen vor der erneuten Begegnung
Chamberlains mit Hitler in München einbezogen, umso mehr als ein Unbekannter ihm
ein geheimes Dokument über die tatsächlichen Absichten „des Führers“ zukommen lässt,
die Chamberlains Appeasementpolitik gegenüber Hitler beeinflussen soll. Man glaubt
Legat nicht, dass er den Verursacher dieser Nachricht nicht kennt, und tatsächlich gibt es
eine Verbindung zu dem Deutschen Paul von Hartmann, mit dem er vor Jahren
befreundet war und mit dem er in Oxford zusammen studiert hat. Von Hartmann,
ebenfalls Diplomat und im deutschen Außenministerium in Berlin tätig, ist inzwischen im
Widerstand gegen Hitler engagiert und versucht mit allen Mitteln, die europäischen
Mächte trotz Hitlers scheinbar friedfertiger Haltung von dessen unbeirrbaren Willen zum
Krieg zu überzeugen. Chamberlain ist derjenige, der am aktivsten versucht, Hitler durch
seine Beschwichtigungspolitik – in diesem Fall durch die Zusage in der Sudentenfrage –
von kriegerischen Handlungen abzubringen. Selbst als die Beweise für Hitlers gegenteilige
Absichten auf der Hand liegen, kann niemand daran glauben, weil keiner es glauben will.
Es gelingt Harris, wieder einmal, den Leser durch die genaue Kenntnis der
tatsächlichen Abläufe und Verhältnisse einerseits und eine imponierende psychologische
Darstellung der Befindlichkeiten der politischen Akteure andererseits, eine grandiose
Spannung aufzubauen. Die fiktiven Bemühungen der beiden Diplomaten, unter
Lebensgefahr, ihre unmögliche Mission durchzusetzen, ist so glaubwürdig, dass ich mich
am Ende des Buches durch einen Blick in die Geschichtsbücher vergewissern musste,
dass es sich hierbei tatsächlich nicht um eine historische Begebenheit handelt!

Für sie gelesen von Brigitte Tietzel: Daniel Kehlmann, Tyll
Rowohlt, 2017 22.95 Euro

Ein fantastischer Roman ist das, nicht nur, weil er Fantasie und Wirklichkeit so in
einander verwebt, dass man nicht recht weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt,
sondern weil er auf fantastische Weise deutlich macht, dass man der Realität des Lebens
im Grunde nicht anders als mit dem Blick des Narren beikommen kann. Die Realität, das
ist in diesem Buch der 30jährige Krieg, die Welt des 17. Jahrhunderts, in der Gewalt,
Hunger, Aberglaube, Grausamkeiten aller Art an der Tagesordnung sind. Als man Tylls
Vater, den naiven, wissensdurstigen Müller mit haarsträubenden Argumenten und unter
der Folter erzwungenen Geständnissen als Hexer zum Tode verurteilt hatte, musste Tyll
da nicht zum Narren werden? Überlebenschancen, Freiheit gar, schien nur der zu haben,
der sich außerhalb einer von Aberglauben, Unwissen und Feigheit geprägten Welt stellte.
Damit begab er sich allerdings gleichzeitig des Schutzes dieser Gesellschaft. Tylls
Freundin Nele ging trotzdem mit ihm, als dieser floh, weil auch sie in der Freiheit des
Vagantenlebens die einzige Chance für ein selbstbestimmtes Leben sah.
Die Namensgleichheit des Tyll Ulenspiegel des Romans mit dem Jahrhunderte früher
herumziehenden, altbekannten Till Eulenspiegel macht jede weitere Erklärung zur Person dieses
Tyll überflüssig. Ein Gaukler kann, ein Narr darf Dinge tun, die andere nicht können und
dürfen. Er erheitert die Menschen, er lehrt sie das Staunen und das Fürchten. In den
Anfangskapiteln, als Tylls Kindheit bis zum Tode des Vaters erzählt wird, ist besonders
beeindruckend, wie es dem von einem wütenden Knecht in mörderischer Absicht vor das
Mühlrad in den Bach geworfenen Jungen gelingt, durch Verstand und schieren Überlebenswillen,
sich unter dem Rad am Boden entlang zu hangeln und so dem sicheren Tod zu entgehen. Dieser
Überlebenswille kennzeichnet ihn auch fortan.
Die Welt des kleinen Dorfes wird durch Beschreibungen der Kriegswirren und
Schlachtfelder abgelöst, wenn ein dicker Graf Tyll aus dem Kloster Andechs an den
Wiener Hof bringen soll, oder das Schicksal des Winterkönigs und seiner englischen
Gemahlin erzählt wird, die den Krieg letztlich ausgelöst haben und am Ende so ärmlich
hausen müssen wie die ärmsten Dorfbewohner. Zeitweise ist Tyll ihr Hofnarr. Schließlich
begegnet er Athanasius Kircher wieder, der ehemals seinen Vater als Hexer erkannt hatte
und inzwischen als gelehrter Wissenschaftler gilt. Die Windigkeit dieses Menschen findet
ihren Gipfel in dessen eigener Behauptung, dass man dort, wo wissenschaftliche Beweise
fehlen, diese durch kluge Erfindungen ersetzen müsse. Lug und Trug überall, auch Tyll ist
ein hervorragender Lügner. Worauf kommt es eigentlich an im Leben? Die im Grunde
willkürlich zusammengestellten Episoden des Romans, die durch die Figur des Tyll nur
vage verbunden werde, zeigen eine aus den Fugen geratene Welt, in der nichts einen Wert
zu haben scheint. Das Leben ist kurz, der Tod allgegenwärtig. Das Angebot der
englischen „Winterkönigin“ am Ende des Buchs, Tyll einen ruhigen Lebensabend am
englischen Hof zu beschaffen, schlägt er aus. So etwas wie Ruhe und Frieden scheint gar
nicht möglich. Tyll hat da eine bessere Idee: er weigert sich ganz einfach zu sterben. Ein
wirklich fantastischer Roman. Brigitte Tietzel

Für sie gelesen von Brigitte Tietzel: Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren
Faber & Faber, 2000

Wer Ishiguros wundervollen Roman „Was vom Tage übrigblieb“ gelesen hat, wird gern in
die Geschichte von Christopher Banks eintauchen, der ebenso ruhig und leicht
melancholisch seinen Werdegang erzählt. Er lebt in England, in den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts, hat gerade die Universität abgeschlossen und nennt als sein Berufsziel:
Detektiv zu werden. Das gelingt ihm in der Folgezeit. Er arbeitet sich zu einem der
renommiertesten Meister seines Faches empor. Seine gesellschaftliche Stellung ist sehr
befriedigend. Alles ist sehr britisch, die Leute sind vornehm, liebenswürdig, diszipliniert,
zurückhaltend. Wir erfahren in Christophers rückblickenden Erinnerungen, dass er
zunächst mit seinen Eltern in Shanghai, im „Internationalen Settlement“ wohnte. Dort
spielte er gern mit einem japanischen Nachbarsjungen. Eines Tages verschwindet sein
Vater, dessen Firma in den Opiumhandel verwickelt ist, kurz darauf seine Mutter.
Christopher wird zu einer Tante nach England gebracht, wo er fortan aufwächst.
Zunächst ist unklar, ob die Eltern gestorben sind (Titel!), dann heißt es, sie seien
damals entführt worden. Dieser „Fall“ ist offensichtlich der Grund für Christophers
Berufswahl. So weit, so gut.
Dann erhält er eines Tages einen Brief (es bleibt völlig unklar, von wem und was
darin steht), der ihn veranlasst, nach Shanghai zurück zu kehren, offensichtlich, um den
Fall seiner Eltern zu lösen. Was jetzt folgt, ist gänzlich unverständlich, voller
geheimnisvoller Andeutungen, die den Leser ratlos lassen und zudem so absurd, dass man
geneigt ist, sich „veräppelt“ vorzukommen. Inzwischen sind nämlich die Japaner in
China eingefallen, es herrscht Krieg, und in Shanghai wird geschossen. Christopher sucht
ein Haus, von dem er glaubt, dass dort seine entführten Eltern festgehalten werden (nach
mehr als zwanzig Jahren!). Das Haus befindet sich mitten im Kampfgebiet, alles ringsum
ist zerstört, Leichen liegen auf seinem Weg. Trotzdem sucht er nach dem unbekannten
Haus. Er trifft auf seinen verwundeten japanischen Freund aus Kindertagen, der aber ein
Verräter sein soll und von japanischen Soldaten abgeführt wird, die Christopher
schließlich zurück zum englischen Konsulat bringen. Das Haus hat er nicht gefunden.
Dort besteht er darauf, eine ominöse „Gelbe Schlange“ zu treffen, irgendeinen
Verbindungsmann zu irgendwem, alles völlig nebulös. Der Mann stellt sich als sein Onkel
Philipp heraus, der ihm die einerseits banale Geschichte des Verschwindens seines Vaters
und andererseits die abstruse Geschichte des Verschwindens seiner Mutter erzählt.
Man traut seinem eigenen Verstand nicht, wenn man das liest. Nebenhandlungen
mit einer Frau namens Sarah und andere seien hier erst gar nicht erwähnt, weil sie zu
nichts führen und man sich fragen muss, warum sie überhaupt erzählt werden. Zum
guten Schluss, zwanzig Jahre später, fährt Christopher nach Hongkong, wo er in einem
Heim für Geisteskranke seine Mutter wiederfindet (wie auch immer er darauf gekommen
ist), die ihn aber nicht erkennt. Hier kehrt Ishiguro zu dem ruhigen, nachdenklichen
Erzählstil vom Anfang zurück.
Ein sehr seltsames Buch

Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Robert Harris, München
Daniel Kehlmann, Tyll
Kazuo Ishiguro, Als wir Waisen waren

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