Buchbesprechungen 2016

Ian Bostridge: Schuberts Winterreise – Lieder von Liebe und Schmerz

„Fremd bin ich eingegangen, fremd kehr ich wieder aus...“ lautet der Beginn der „Winterreise“. 24 Lieder mit Klavierbegleitung, die Franz Schubert  komponierte. Oberflächlich betrachtet ist es der Klagegesang eines enttäuschten Liebhabers, tiefer geschürft die letzte Etappe einer Lebensreise. Der Autor, der britische Tenor und Historiker Ian Bostridge eröffnet uns viele weitere Sehweisen: „Wir begegnen in der Winterreise unseren Ängsten und ziehen uns mit Hilfe von Musik und Poesie an unserem eigenen Schopfe aus dem Sumpf.“ Was dieses Buch über die Masse an Musikbüchern heraushebt, sind die fachübergreifenden Querverweise und Erklärungen, die geschichtlichen und gesellschaftlichen Einordnungen und der Bezug zur Gegenwart. Die Süddeutsche befand: „Etwas Schöneres kann man in diesem Herbst und Winter kaum tun.“ Am besten zusammen mit Bostridges CD-Aufnahme der „Winterreise“.

Verlag C.H.Beck, gebunden, 405
Seiten, 29,95 €


Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben/ Lass die Toten ruhen/ Tal des Schweigens/ Zeit der Finsternis

Wer in spannender Weise über das heutige Südafrika informiert werden will, greift gerne zu den
Kriminalromanen von z.B. Deon Meyer. Wer mehr über das Südafrika der  Apartheid wissen will, ist mit den Kriminalromanen von Malla Nunn bestens bedient. Ihre bisher vier Fälle um den Detective
Sergeant  Emmanuel Cooper und den farbigen Constable Shabalala sind beides: informativ und spannend. Deren Streben nach Aufklärung und ihren Kampf gegen die Borniertheit und Gewalttätigkeit der herrschenden Klasse – Engländer und Buren –  spielen Anfang der 1950er Jahre.  Im brandneuen vierten Roman „Zeit der Finsternis“ geht es um Coopers „Rassenschande“ und Shabalalas Sohn als Sündenbock in einem Mordkomplott. Und jedes Mal gerät Cooper mit der Security Branch, dem Geheimdienst Südafrikas aneinander.

Aufbau Verlag: „Ein schöner Ort zu Sterben“ 415 Seiten, 9,99 € /
„Lass die Toten ruhn“ 383 Seiten, 9,99 €

Argument Verlag: „Tal  des Schweigens“ 317 Seiten, 13 € /
„Zeit der Finsternis“ 352 Seiten, 13 €


Eugen Ruge: Follower

Der Mathematiker und Theaterautor Eugen Ruge gewann mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis. Mit  einer erstaunlichen sprachlichen Anverwandlung und Vorwegnahme des technologischen „Neusprech“ hat er nun den Roman seiner Familie ins Jahr 2055 ausgedehnt. Nio weilt geschäftlich unter dem künstlichen Himmel von HTUA-China (Ländernamen wie heute die Fußballstadien). Er klinkt sich aus der ständigen Erreichbarkeit
(„plug-in“) aus und geht statt zum Geschäftstermin durch die Stadt. Von allen Seiten wird er mit Versuchungen bombardiert. Die künstlichen Bilder und Gerüche der Restaurants und das „überlegene Schwingungsverhalten der neoplasmatischen Busen entgegenkommender Frauen“ - es ist schwer, politisch korrekt („pisi“) zu reagieren. Vor allem, wenn die  Freundin ihm ihren Kinderwunsch eröffnet. Ist eine Leihmutter noch zeitgemäß? Soll er oder sie das Kind austragen...? Während in Australien zum Nutzen der Welt und Schaden der Ureinwohner eine Klimabombe gezündet wird, verschwindet er langsam vom Radar der Überwachungsbehörde. Der das gar nicht
gefällt....

Rowohlt Verlag,  gebunden, 320
Seiten, 22,95 €  


Guntram Vesper: Frohburg

Unsere frühen Erfahrungen arbeiten in uns weiter, davon ist Guntram Vesper überzeugt. Sein Werk kreiste bereits in unterschiedlichen Genres um seine Herkunft, nun hat er einen großen Roman vorgelegt, benannt nach seiner Geburtsstadt. Das Buch wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 ausgezeichnet. Guntram Vesper schreibt von der Kriegszeit über die sowjetische Besatzungszone und die frühen Jahre der DDR, die so voller Hoffnung steckten für etliche Menschen. Hoffnung darauf, dass nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft tatsächlich ein nicht kapitalistisches, ein demokratisches Deutschland im Osten entstehen könnte. Über die
Schule, Zeltlager auf Rügen, die Flucht seiner Familie nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands und seine Zeit im hessischen Internat, den Alltag des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs. Ein großartiges Porträt deutschen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert,
das neben die großen Bücher von Walter Kempowski und Uwe Johnson zu stellen ist – prall von Geschichte und Geschichten.

Schöffling Verlag, 1008 Seiten, Leinen.  34,00 €


Ian McEwan: Nussschale

Für interessante Einfälle ist der Autor von u.a. „Liebeswahn“ und „Kindeswohl“ berühmt. „Abbitte“ wurde Weltbestseller und mit Keira Knightley und Saoirse Ronan verfilmt. Mit „Nussschale“ hat
er sich selbst übertroffen: Ein durch ausführliches Radiohören seiner Mutter recht gebildetes ungeborenes Kind muss kurz vor der Geburt anhören, wie seine Mutter mit ihrem Liebhaber, seinem Onkel (dumm aber mit animalischem Sextrieb), den Tod seines leiblichen Vaters plant. McEwan, der für „Amsterdam“ den Booker Prize und für sein Gesamtwerk den Shakespeare-Preis erhielt, variiert hier auf verblüffende, fesselnde, philosophische, lustige und makabre Weise
den Hamlet. Ein großes Lesevergnügen.

Diogenes Verlag, gebunden, 288 Seiten, 22,00 €


Bert Wagendorp: Ventoux

„Die Besteigung des Mont Ventoux“ in der Provence hat nicht nur den italienischen Dichter Petrarca schon 1336 zu literarischen Höhenflügen animiert, sondern auch Generationen von Radsportbegeisterten auf diesen kahlen Berg getrieben. Fünf Freunde an der Schwelle des Erwachsenseins - und alle verliebt in die schöne Laura – bezwingen ihn 1982, kommen aber nur zu viert zurück. Drei Jahrzehnte später lädt Laura sie zu einem Wiedersehen am Ventoux ein, um über die damaligen Geschehnisse zu reden. Der Überraschungsbestseller der letzten Jahre in den Niederlanden, witzig, klug, berührend, und nicht nur für Radsportbegeisterte unterhaltsam und spannend.

btb-Verlag, gebunden, 320 Seiten, 19,99 €


„Ein Roman für Erwachsene und die, die es noch werden“  
(Gastbeitrag
von Mira Kratzenstein, 17 Jahre):


Cornelia Funke: Reckless
Nach der „Tintenwelt“-Trilogie im vorigen Jahrzehnt veröffentlichte die „Wilde Hühner“ - Autorin in den letzten Jahren die „Reckless“-Reihe (Steinernes Fleisch, Lebendige Schatten, Das goldene Garn). „ Es waren einmal hinter dem Spiegel in einer Welt voller Zauber und Gefahren zwei Brüder, von denen der eine auszog, den anderen zu retten...“  Jacob Reckless reist auf der Suche nach seinem Vater in eine Welt hinter den Spiegeln, in der Märchen real sind und Träume wahr werden. Unglücklicherweise folgt ihm sein Bruder Will und wird mit dem Fluch der versteinernden Haut belegt. Zusammen mit der Gestaltwandlerin Fuchs und Wills großer Liebe Clara versucht er, Will zu retten. Begegnen einem im ersten Band Motive aus den Grimmschen Märchen (Jacob findet z.B. Aschenputtels gläsernen Schuh), so spielen die folgenden mit französischen bzw. russischen
Motiven. Reckless eignet sich zum Vorlesen so gut wie zum Selbstlesen und lädt ein, die eigene Welt zu vergessen und hinter die Spiegel zu verschwinden.

Dressler Verlag, gebunden, 352 Seiten, 19,95 € (bzw. 416 S., 19,95 / 464 S., 19,99)

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